Steuertricks, Ausbeutung, Klimazerstörung und Macht
Amazon ist das Sinnbild für den digitalen Kapitalismus im 21. Jahrhundert: ein globaler Konzern, der den Onlinehandel dominiert und seine Profite mit fragwürdigen Strategien seine Profite maximiert. Amazon hat dabei ein undurchsichtiges Unternehmensnetz aufgebaut, das wir als Konsument*innen nicht durchblicken können. Das Unternehmen ist heute eine Mischung aus Einzelhändler, Logistiker, Internetplattform, Technologieunternehmen, Anbieter von Musik- und Videostreaming-Diensten sowie Cloud-Computing-Anbieter.
Viele Kritikpunkte an Amazon sind bekannt. Aber in welchem Ausmaß Amazon sich vor Steuern drückt, lokale Betriebe zerstört, Ressourcenverschwendung betreibt und die Klimaerhitzung befeuert, übersteigt unsere Vorstellungen. Attac zeigt in dieser Recherche die politischen, ökonomischen und ökologischen Missstände hinter Amazons Welt auf.

Diese Recherche basiert in weiten Teilen auf der Arbeit der Teilnehmer*innen zivilgesellschaftlichen Attac Praxissemesters im Sommersemester 2025. Die inhaltliche Letztverantwortung liegt bei Attac.
Übersicht
- Steuertricks, Steuergeschenke und öffentliche Subventionen
- Zerstörung von lokalem Handel und Arbeitsplätze
- Ausbeutung, Überwachung und Kampf gegen Gewerkschaften
- Klimazerstörung und Konsum um jeden Preis
- Amazon Web Services (AWS) – der geheime Riese
- Geballtes Lobbying, PR
- Amazons Pinkwashing: zwischen Symbolpolitik und Kalkül
- Der Pakt mit Autokraten
- 5 Forderungen, um die Übermacht von Amazon zu begrenzen
"Amazon ist nicht nur ein Unternehmen – es ist ein System, das den Kapitalismus des 21. Jahrhunderts definiert." — Shoshana Zuboff, The Age of Surveillance Capitalism
Steuertricks, Steuergeschenke und öffentliche Subventionen
Amazon nutzt ein komplexes Netzwerk von Tochterfirmen und Lizenzmodellen, um Gewinne dorthin zu verschieben, wo die Steuerbelastung besonders niedrig ist. Dies gilt insbesondere für die EU und Luxemburg. Der Trick: Verkäufe in EU-Ländern laufen formal über die in Luxemburg registrierte Gesellschaft Amazon EU S.à r.l. ab. Dort werden auch die Einnahmen verbucht, obwohl die Umsätze faktisch in anderen Ländern erzielt werden. In Luxemburg wiederum weist Amazon sehr geringe steuerpflichtige Gewinne aus, da hohe Lizenzgebühren und „interne Kosten“ an andere Amazon-Gesellschaften gezahlt werden, etwa für die Nutzung der Marke, Software oder Logistikdienste. Diese Lizenzzahlungen fließen oft weiter in Steuerparadiese wie Bermuda, wo keine oder kaum Steuern anfallen.
So gelingt es Amazon, andere Staaten um Milliarden zu prellen – mit aktiver Unterstützung von Regierungen: In Luxemburg wurde Amazon bei seinen Steuertricks vom damaligen Premierminister Jean Claude Juncker höchstpersönlich unterstützt. Der ehemalige Finanzchef von Amazon erklärte 2014 in einem Interview: „Wir haben uns auch ein- oder zweimal mit dem Premierminister (Juncker, Anm.) getroffen. Seine Botschaft war: „Wenn du ein Problem hast, von dem du denkst, dass du es nicht lösen kannst, komm zu mir zurück. Ich werde versuchen, dir zu helfen.“
Im Jahr 2020 machte Amazon EU S.à r.l. in Luxemburg einen Umsatz von ca. 44 Milliarden Euro Gleichzeitig meldete man einen Verlust von rund 1,2 Milliarden Euro, so dass keine Körperschaftssteuer fällig war. Trotz Rekordgewinnen im europäischen Handel während der Pandemiejahre machte Amazon auch im Jahr 2022 offiziell Verlust (bei einem Umsatz von 51,6 Milliarden Euro!) und bekam – statt Steuern zu zahlen – sogar 64 Millionen Euro vom Staat geschenkt.
Eine Studie der University of London zeigte 2021, dass Amazon bis 2021 18,4 Milliarden Dollar an Steuergeschenken außerhalb der USA erhalten hat. Zwischen 2010 und 2020 nutzte Amazon steuerliche Verluste außerhalb der USA, um Steuergutschriften in Höhe von 13,4 Milliarden Dollar zu lukrieren, hauptsächlich durch Verlustvorträge in Luxemburg.
Steuerrückzahlung oder doch nicht?
Die EU-Kommission entschied 2017, dass Amazon 250 Millionen Dollar an Luxemburg zurückzahlen muss, die zwischen 2006 und 2014 durch illegale Steuermodelle erzielt wurden. Luxemburg legte Anfang 2018 gegen die Entscheidung Einspruch ein. Im Mai 2021 entschied das Gericht der Europäischen Union (EuG), dass die EU-Kommission nicht ausreichend nachgewiesen habe, dass Amazon durch die luxemburgischen Steuerregelungen einen unzulässigen Vorteil erhalten habe. Die Kommission legte daraufhin Berufung beim Europäischen Gerichtshof (EuGH) ein.
Am 14. Dezember 2023 bestätigte der EuGH das Urteil des EuG und wies die Berufung der Kommission endgültig ab. Damit ist die Entscheidung rechtskräftig: Amazon muss die geforderten 250 Millionen Euro nicht zurückzahlen. Obwohl das Gericht die steuerlichen Vorteile für Amazon nicht bestritt, betonte es, dass diese im Einklang mit dem damaligen nationalen Recht standen und daher keine unzulässige staatliche Beihilfe darstellten.
Exkurs Digitalsteuer: Amazon fair zu besteuern?
Eine Maßnahme um Digitalriesen auf nationaler Ebene zu besteuern ist die Digitalsteuer. In Österreich werden seit 2020 fünf Prozent auf Onlinewerbeeinnahmen großer Digitalkonzerne erhoben. Die Steuer brachte im Jahr 2024 Einnahmen von 124 Millionen Euro – Tendenz steigend. Auch wenn Digitalsteuern natürlich zu begrüßen sind: Werbeleistungen in Printmedien, TV und Hörfunk wurden durch die Werbeabgabe schon lange davor mit fünf Prozent besteuert. Die Digitalsteuer ist daher eigentlich nur das Schließen einer bisherigen Lücke der Werbeangabe. Sie besteuert Umsätze und hat somit nichts mit einer fairen Besteuerung von Konzernprofiten zu tun. Zudem erzielt Amazon seine Hauptumsätze nicht über Werbung, sondern durch Handels- und Logistikdienste, die von der Steuer gar nicht erfasst werden.
Milliarden an Subventionen
Amazon selbst rechtfertigt sich auch mit massiven Investitionen in Europa: „We’ve invested more than €250 billion since 2010 (...)“ Doch Investitionen in Infrastruktur oder Forschung ersetzen keine faire Besteuerung – zumal Amazon selbst entscheidet, wo gebaut wird, und dabei steuerliche Vorteile und Subventionen gezielt ausnutzt.
Kommunen bieten dabei etwa günstige Grundstücke, Steuererleichterungen oder Infrastrukturmaßnahmen an, um Amazon-Standorte anzulocken. Amazon hat weltweit bereits über 11,6 Milliarden US-Dollar an öffentlichen Subventionen für Lagerhäuser, Datenzentren und andere Projekte erhalten – trotz wachsender Geheimhaltung und intransparenter Vereinbarungen zwischen dem Konzern und öffentlichen Stellen. Dazu gehören beispielsweise mindestens 4,4 Millionen Euro für ein Lagerhaus in Asturien (Spanien); 2,3 Millionen US-Dollar für ein Callcenter in Edinburgh (Schottland); 1,3 Millionen US-Dollar im Jahr 2012 für ein Lagerhaus in Sevrey (Frankreich); 13,35 Millionen Euro für ein Lagerhaus in Leipzig (Deutschland) und 8,95 Millionen Euro für ein Lagerhaus in Fife (Schottland).
Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Spende - herzlichen Dank!
Zerstörung von lokalem Handel und Arbeitsplätzen
Amazon trägt durch Lohndumping und aggressive Preispolitik zur Zerstörung des lokalen Handels und zum Abbau regionaler Arbeitsplätze bei. Eine Studie aus 2021 zur Entwicklung von Beschäftigung im europäischen Einzelhandel zeigt, dass der Aufstieg von E-Commerce-Giganten wie Amazon zwischen 2009 und 2018 allein in Frankreich zum Verlust von rund 80 000 Arbeitsplätzen führte. Bis 2028 könnten dort weitere 46 000 Jobs wegfallen. Auch für Deutschland und Spanien prognostizieren die Studienautor*innen Arbeitsplatzverluste in fünfstelliger Höhe. Besonders betroffen sind kleinere Unternehmen, die dem wachsenden Marktdruck durch Großkonzerne kaum standhalten können: „In other words, a job added or created in non-food retail in a large company through e-commerce has destroyed around six jobs in smaller companies.“
In Deutschland errichtet Amazon seine Logistikzentren strategisch in wirtschaftlich schwachen Regionen, um gezielt von hoher Arbeitslosigkeit zu profitieren. Dadurch verschafft sich Amazon Zugang zu einem großen Reservoir an billigen Arbeitskräften und labelt das Vorgehen als „Möglichkeit, positive wirtschaftliche Effekte auf die Region auszuüben“. Diese Selbstdarstellung ist jedoch kritisch zu hinterfragen: Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass die Ansiedlung von Amazon-Lagern nicht zwangsläufig die lokale Wirtschaft stärkt. Vielmehr kann sie bestehende Arbeitsplätze verdrängen und zur Schädigung kleiner und mittlerer Unternehmen beitragen. Gleichzeitig lehnt der Konzern deutsche Tarifverträge konsequent ab. Dadurch bleiben faire Löhne und gesicherte Arbeitsbedingungen aus, während die Beschäftigten potenziell schutzlos der Willkür des Unternehmens ausgeliefert sind.
Amazon schafft für Arbeitende auch keine langfristigen sicheren Perspektiven. In Österreich bleibt nur rund ein Drittel der Beschäftigten mehr als 90 Tage im Unternehmen.
Monopol statt Wettbewerb
Amazon nutzt seine Marktmacht außerdem, um Wettbewerb zu beseitigen. Auf dem Amazon Marketplace werden nicht nur Amazon-Produkte verkauft, sondern es gibt eine riesige Zahl von Drittunternehmen, die ihre Produkte auf einem Markt anbieten, dessen Regeln komplett und einseitig von Amazon festgelegt werden. Das Monopol Amazons führt dazu, dass es für Kleinhändler*innen kaum möglich ist Amazon als Verkaufsplattform zu umgehen. Zugleich ist Amazon das einzige Unternehmen, das versteht, wie dieser Markt funktioniert. Denn nur Amazon hat Zugriff auf alle Informationen, von der Detailebene einzelner Transaktionen bis zu hochaggregierten Datensätzen.
In Österreich werden etwa zwei Drittel des Onlineumsatzes von sogenannten „Pure Playern“ dominiert – Unternehmen, die ausschließlich im Internet tätig. Angeführt wird der Markt klar von Amazon, das mit 12,3 Prozent den größten Einzelanteil hält, gefolgt von der Otto Group (4,5 Prozent) und Zalando (4,2 Prozent). Rechnet man die Verkäufe über den Amazon Marketplace hinzu, kontrolliert Amazon mittlerweile knapp 30 Prozent des österreichischen Onlinehandels, 60 Prozent in Deutschland. Diese Konzentration verstärkt die Abhängigkeit zahlreicher Händler*innen und verschärft die strukturelle Ungleichheit im Onlinehandel.
Im Dezember 2022 kam es von Seiten der EU-Kommission zu einem Abschluss des seit 2019 andauernden Verfahrens zu möglichen Kartellverstößen des US-Konzerns im Umgang mit Händler*innen. Amazon verpflichtet sich daraufhin, keine nicht-öffentlichen Daten von Drittanbietern mehr für eigene Einzelhandelszwecke zu nutzen. Zudem wird bei der Auswahl der Buy Box (Button „In den Einkaufswagen“ und „Jetzt kaufen“) künftig keine Bevorzugung von Amazon Retail oder FBA-Verkäufern (Versand durch Amazon) mehr stattfinden. Drittanbieter erhalten mehr Sichtbarkeit und Wahlfreiheit bei der Lieferung. Schutzmechanismen wie eine Nicht-Umgehungsklausel und mögliche Vertragsstrafen sollen die Einhaltung sicherstellen. Unklar ist, ob die Schutzmechanismen ausreichen werden. Denn ohne technisch versierte Aufsicht können Fehltritte der sich ständig ändernden Plattform schwer erkannt werden.
Umfassende Kontrolle über die Versand- und Handelsinfrastruktur
Amazon ist nicht nur der größte Einzelhändler der Welt. Mit eigenem Zustellservice und eigener Airline hat der Konzern auch den weltweiten Versand der Ware selbst in die Hand genommen. Mit dieser Flotte ist Amazon bereits die sechstgrößte Fracht-Airline der Welt. Das Logistiknetz soll in den kommenden Jahren zum Beispiel in den USA und in Deutschland noch weiter ausgebaut werden. Diese umfassende Kontrolle über die Handelsinfrastruktur – von der Luft- und Seefracht über Lagerhaltung bis hin zur Zustellung – verschafft Amazon erhebliche Wettbewerbsvorteile.
Kritiker*innen – wie die deutsche Gewerkschaft Verdi, Umweltorganisation und Medien – warnen, dass der Konzern so die gesamte Lieferkette dominieren könnte, was zu einer Verdrängung kleinerer Wettbewerber*innen und einer Verschärfung des Drucks auf die Arbeitsmärkte führen könnte. Ohne wirksame regulatorische Eingriffe könnte Amazon sein Ziel erreichen, die Handelsinfrastruktur des 21. Jahrhunderts vollständig zu beherrschen.

„Der Kampf gegen Amazon richtet sich nicht bloß gegen ein einzelnes Unternehmen. Es ist ein Kampf um die Seele unserer Demokratie und die Zukunft unserer Wirtschaft.“
Christy Hoffman, Generalsekretärin von UNI Global Union, der internationalen Gewerkschaftsföderation für den Dienstleistungssektor
Ausbeutung, Überwachung und Kampf gegen Gewerkschaften
Weltweit häufen sich seit Jahren die Berichte über menschenunwürdige Arbeitsbedingungen, systematische Überwachung und Verhinderungen gewerkschaftlicher Mitbestimmung bei Amazon. Denn die Aushöhlung von Arbeitsrechten hat bei Amazon System. Exzessive Arbeitszeiten, fehlende Pausen und prekäre Beschäftigungsverhältnisse in Form von befristeten Verträgen, Leiharbeit, niedrigen Löhnen und Entlassungen am Ende der Probezeit sind fester Bestandteil der Unternehmenskultur.
Eine Razzia im niederösterreichischen Verteilerzentrum Großebersdorf im Februar 2020 deckte Schwarzarbeit, falsche Identitäten, Lohn- und Sozialdumping sowie Abgabenhinterziehung auf. Die Finanzpolizei kam zu dem Schluss, dass 130 von 133 von Amazons Partnerunternehmen Gesetze gebrochen hatten. Darüber hinaus identifizierte die Behörde 96 Subfirmen und 24 Sub-Subfirmen, die Arbeitskräfte für Amazon bereitstellen.
Misstrauen, Leistungsdruck und Überwachung
Überwachung ist fester Bestandteil des Arbeitsalltags bei Amazon. Jeder Handgriff wird dokumentiert, in den Verteilerzentren meist durch Scanner, mit denen Mitarbeiter*innen ihre Arbeitsschritte bestätigen. Dadurch bleiben auch Toilettenpausen oder Gespräche mit Kolleg*innen nicht unbemerkt. Produktivitätsdaten und Pausen werden genau erfasst, und bei Nichterfüllung der Vorgaben drohen automatische Warnungen oder sogar Kündigungen – oft ohne direkte menschliche Entscheidung.
Auch die Fahrer*innen und Paketzusteller*innen werden mithilfe von Apps wie “Flex” und “Mentor” kontrolliert. Diese erfassen nicht nur die Arbeitszeiten und Routen, sondern auch das Fahrverhalten und die Telefonnutzung der Fahrer*innen. Amazons hochgradig überwachungsbasierte Arbeitsumgebung setzt Beschäftigte unter enormen Druck, was zu körperlicher Erschöpfung, Verletzungen und psychischer Belastung führt. Vor allem Frauen und People of Color sind davon überdurchschnittlich betroffen. Die Technologie dient nicht dem Schutz, sondern der Durchsetzung extremer Produktivitätsstandards – auf Kosten der Gesundheit und Würde der Beschäftigten.
Mit der Überwachung geht ein generelles Klima des Misstrauens einher. So dürfen Mitarbeiter*innen keine privaten Gegenstände (wie Uhren, Handys oder sogar Kaugummis) bei sich tragen. Wer gegen die Vorgaben verstößt oder das Arbeitstempo nicht einhält, muss mit Sanktionen rechnen – wie etwa der Einzelabfertigung von Paketen unter Aufsicht. Eine Umfrage von UNI Global, der indischen Gewerkschaft der Amazon-Beschäftigten und des Jarrow Insight Instituts unter Amazon-Beschäftigten in Indien zeigt auf, dass mehr als 86 Prozent der Lagerarbeiter*innen und 28 Prozent der Fahrer*innen angeben, nicht genügend Zeit für Toilettengänge zu haben. Darüber hinaus erlitten rund 20 Prozent der Fahrer*innen einen Arbeitsunfall und für über 43 Prozent der Befragten reicht der Lohn nicht zur Deckung ihrer Grundbedürfnisse aus. Auch fehlen Sozialversicherungen für Fahrer*innen.
Laut einem Bericht der Gewerkschaftskoalition Strategic Organizing Center (SOC) war die Rate schwerer Verletzungen in Amazons US-Verteilzentren 2022 mehr als doppelt so hoch wie in vergleichbaren Lagern außerhalb Amazons. 2023 rügte die US-Arbeitsschutzbehörde OSHA den Konzern erneut wegen unsicherer Arbeitsbedingungen in mehreren Lagerhäusern. Insbesondere wurden ergonomische Gefahren festgestellt, die zu Rückenverletzungen und Muskel-Skelett-Erkrankungen führen können – verursacht durch schwere Lasten, ungünstige Bewegungen und überlange Arbeitszeiten. Ursachen dafür sind der enorme Druck und die rasante Geschwindigkeit, mit der Pakete an die Kund*innen geliefert werden sollen.
Unterdrückung gewerkschaftlicher Bestrebungen
Amazon bekämpft weltweit gezielt die gewerkschaftliche Organisierung seiner Mitarbeiter*innen. Befristete Verträge, Leiharbeit und Scheinselbstständigkeit sind die ersten Instrumente, um eine großflächige Mobilisierung der Arbeiter*innen zu unterdrücken.26 Sollte diese dennoch stattfinden, setzt Amazon auf gezielte Einschüchterungen und in den USA auf die Erstellung von “Heat-Maps” durch das Software-System SPOC, das beim Tochterunternehmen Whole Foods zum Einsatz kommt. SPOC analysiert Daten zu Arbeitsbedingungen, Aktivismus, sozialen Netzwerken und “Team-Stimmung”, um Risikobewertungen für mögliche gewerkschaftliche Aktivitäten zu erstellen.
In Europa setzt Amazon dagegen auf die unterschiedlichen Arbeits- und Lohnstandards in den einzelnen Ländern. Streiks in deutschen Verteilzentren werden beispielsweise umgangen, indem Aufträge an Verteil- und Versandzentren in Nachbarländer wie Polen verlagert werden, wo sowohl der Mindestlohn als auch die Gewerkschaftsdichte deutlich niedriger ist - ein doppelter Gewinn für Amazon.
In Österreich, wo Amazon mittlerweile fünf Logistikstandorte betreibt, konstituierte sich im Jahr 2024 ein Betriebsrat für alle Angestellten des Konzerns und ein eigener für alle Arbeiter*innen. Trotzdem bleiben Konflikte bestehen, denn der Konzern versuchte die Wahl des Arbeiter*innenbetriebsrates juristisch zu bekämpfen – unter dem Vorwand, die Wahlen seien nicht ordnungsgemäß abgelaufen. Dieses Vorgehen dürfte nicht zuletzt mit dem aufklärerischen Charakter des Betriebsrats in Bezug auf die Rechte und Unterstützung der Arbeiter*innen zu tun haben.

Klimazerstörung und Konsum um jeden Preis
Jeff Bezos erklärte im Jahr 2019 in seinem „Climate Pledge“, dass Amazon bis 2040 netto CO2-neutral sein wolle. Doch aktuelle Analysen zeigen: Der Konzern bewegt sich in die entgegengesetzte Richtung. Amazons CO₂-Emissionen sind seit 2019 um 34,5 Prozent gestiegen.
So baut der Konzern den Luftfrachtverkehr weiter massiv aus, um seine große Mission der 24-Stunden Lieferung an die immer zahlreicheren Prime-Kund*innen zu erfüllen. Anfang 2017 leaste Amazon Air noch 16 Boeing-Flugzeuge, im April 2025 besteht die Flotte bereits aus 99 Flugzeugen. Im August 2022 führte der multinationale Konzern 194 Inlandsflüge pro Tag in den USA durch, im März 2023 waren es schon 205. Im März 2022 gab es in Europa bereits 38 Flüge pro Tag – im Vergleich zu 18 täglichen Flügen im August 2021. Im Juli 2019 transportierte Amazon 29 Prozent mehr Produkte auf dem Luftweg als 2018. In den letzten zwei Jahren sank zwar die Anzahl an Flügen pro Tag wieder, dies ist aber auch auf einen Umstieg auf größere Flugzeuge zurückzuführen. Eine Reduktion der Treibhausgasemissionen ist somit nicht realistisch.
Amazon verspricht zudem, bis 2030 bei der Hälfte (und bis 2050 bei allen) Kund*innenlieferungen null Nettoemissionen zu erreichen. Dafür plane man die Anschaffung von 100 000 Elektroautos. Doch Schätzungen gehen davon aus, dass rund 700 000 Elektrofahrzeuge nötig sind, um eine vollelektrische Lieferung über den letzten Kilometer durchzuführen. Auch die von Amazon versprochenen Wiederaufforstungsprojekte können die zusätzlichen Emissionen in diesem Zeitraum niemals ausgleichen. Transporte per Schiff, Flugzeug und LKW von China und Südostasien zu Lagerhäusern nach Europa oder in die USA lässt der Konzern bei diesem Versprechen ohnehin unter den Tisch fallen.
Mehr Konsum, mehr Rückgaben, mehr Transport, mehr Zerstörung von Waren
Zusätzlich forciert Amazon den massiven Anstieg des Konsums. Die Fixkosten des Dienstes Amazon Prime verleiten 200 Millionen Kund*innen weltweit dazu immer mehr Produkte zu bestellen – und auch zu retournieren. In den USA bestellen Prime Kund*innen durchschnittlich 61 Produkten pro Jahr - mehr als doppelt so viel wie Nicht-Prime Kund*innen mit rund 26 Produkten. Im Jahr 2024 haben sich die Netto-Verkaufszahlen im Vergleich zu 2019 mehr als verdoppelt. Das hat dazu geführt, dass Amazon heute 34,5 Prozent höhere CO2-Emissionen verursacht als noch 2019.
Online gekaufte Artikel werden dreimal so häufig zurückgegeben wie im Geschäft gekaufte. Und Amazons ohnhin sehr kulante Rückgabe-Policy wird durch starken Verbraucher*innenschutz in Deutschland und Österreich noch verstärkt. Das führt dazu, dass nach Informationen der Österreichischen Post rund 30 Prozent der bei Amazon gekauften Pakete wieder zurück an den Absender gehen. Laut einer SWR-Recherche von 2021 liegt die Retourenquote in Deutschland bei Amazon bei ca. 20 Prozent. Der Rückgabeprozess kostet allerdings bis zu 66 Prozent vom Originalpreis der Ware, was von den Händlern bei der Preisgestaltung wiederum an die Verbraucher*innen weitergegeben wird. Außerdem verursachen Retouren hohe Emissionen, da die Ware oft mehrere Stationen an unterschiedlichen Orten durchlaufen.
2022 zeigt ein CNBC-Report , dass es oft unwirtschaftlich für das Unternehmen bzw. Verkäufer am Amazon Market Place ist, Retouren wieder zu verkaufen. Reporte aus Großbritannien und Deutschland (2021/2019) zeigen, dass nicht nur Retouren, sondern sogar Neuware im großen Stil verschrottet wird. Für Amazon ist der Regalplatz oft wertvoller als die gelagerten Produkte. Nach einiger Zeit verlangt der Konzern von Händlern hohe Langzeitlagergebühren, wodurch die Lagerung unrentabel wird. Da Rücksendungen meist teurer sind als die Vernichtung und viele Händler keine eigenen Lager haben, werden Waren häufig palettenweise zerstört – besonders, wenn sie saisonal, abgelaufen oder nicht mehr gefragt sind. Hinzu kommt ist, dass die Zerstörung von Produkten in Deutschland und Österreich in der Regel günstiger ist als diese zu spenden. Denn auf Spenden muss Umsatzsteuer gezahlt werden, auf Entsorgung hingegen in Deutschland nichts, in Österreich der ermäßigte Umsatzsteuersatz von 10 Prozent. In Deutschland liegt der Anteil der zur Zerstörung frei gegebenen Retouren bei rund 4 Prozent – was ca. 1,72 Millionen Sendungen entspricht – und diese Zahl umfasst wohl nur die Retouren. Für Österreich wurde eine Zerstörung von ca. 1,3 Millionen Artikeln im Jahr 2019 hochgerechnet. In Frankreich wurden 2018 drei Millionen Retouren von Amazon zerstört; eine unfassbare Ressourcenverschwendung. Zu den zerstörten Waren gehören nicht selten Kühlschränke, Wasch- und Spülmaschinen, Handys, Tablets, Laptops und Matratzen.
In Deutschland ist es seit 2020 verboten, Neuware zu zerstören – geahndet wird dies jedoch bislang nicht, da man sich auf keine Bußgelder festgelegt hatte. NDR-Recherchen zufolge zerschneidet Amazon inzwischen aber vorsichtshalber Ware bevor sie in die Entsorgung gelangt – um dieses Verbot zu umgehen. Auch in Österreich wurde ein solches Gesetz 2023 vorgeschlagen, konnte jedoch bislang keine Mehrheit finden.

Amazon Web Services (AWS) - der geheime Riese und die KI
Während der Online-Handel weiterhin den größten Umsatzanteil liefert, kommt der größte Gewinn aus einem ganz anderen Bereich: Amazon Web Services (AWS). Der Cloud-Dienst von Amazon ist in nur 15 Jahren von einem Nebenprojekt zum weltweiten Marktführer im Cloud-Geschäft aufgestiegen. Egal ob man Spotify hört oder Netflix in Europa schaut – man greift auf AWS zurück. AWS beherrscht rund die Hälfte des Weltmarktes und ist mit Milliardengewinnen das profitabelste Segment des Konzerns. Das sichert Amazon auch den politischen Einfluss, der den Konzern weitgehend resistent gegen Regulierungen gemacht hat.
Auch öffentliche Institutionen und Behörden sind immer stärker von Cloud-Software abhängig, die auf den Diensten von Amazon läuft. Selbst wenn AWS nicht direkt auf Kundendaten zugreift, kontrolliert es die Bedingungen, unter denen Daten gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Das schafft ein strukturelles Machtgefälle und wirft Fragen zu Datenschutz, Datensouveränität und demokratischer Kontrolle auf.
Eine besondere Rolle nimmt AWS dabei auch für KI-Anwendungen ein. So hat OpenAI (ChatGPT) hat einen erheblichen Teil seiner Rechenlast auf AWS verlagert und einen Rahmenvertrag über 38 Milliarden US-Dollar über sieben Jahre geschlossen. Wenn die gesamte KI-Infrastruktur einem kleinen Kreis von Giganten gehört (AWS, Google, Azure-Microsoft), wird nicht nur Innovation stark zentralisiert. Wer die Recheninfrastruktur der KI besitzt, kontrolliert die Regeln, Preise, Zugänge und die Geschwindigkeit des technologischen Fortschritts. Open-Source-Pfade oder gemeinwohlorientierte KI haben dann schlechtere Chancen. Wenn KI die politische Kommunikation, Informationsflüsse, Entscheidungsprozesse und sogar Medienproduktion beeinflusst, dann ist die Frage, wer diese Technologie kontrolliert, absolut zentral für die Zukunft demokratischer Gesellschaften. Auch weil KI-Technologien zunehmend Teil moderner Kriegsführung sind.
Fehlender Datenschutz, Datensammelwut & DSGVO-Verstoß
Als US-Unternehmen unterliegt AWS dem sogenannten CLOUD Act – einem Gesetz, das US-Behörden theoretisch Zugang zu allen Daten ermöglicht, die ein US-Konzern speichert – selbst, wenn diese in Rechenzentren innerhalb der EU liegen. Amazon bestreitet, dass dies Auswirkungen auf europäische Kund*innen hat, und kündigte 2023 an, eine eigene „souveräne EU-Cloud“ aufzubauen. Doch Zweifel bleiben: Immer wieder wird kritisiert, dass Amazon in der Vergangenheit auf politischen Druck reagierte – etwa als die Server von WikiLeaks 2010 auf Anweisung der US-Regierung gesperrt wurden.
Amazon ist nicht nur Cloud-Anbieter, sondern auch selbst ein Datenkrake. 2021 wurde der Konzern von der luxemburgischen Datenschutzbehörde zu einer Rekordstrafe von 746 Millionen Euro verurteilt – wegen schwerwiegender Verstöße gegen die DSGVO. Amazon soll systematisch personenbezogene Daten gesammelt und verarbeitet haben, unter anderem über Cookies und Tracking-Mechanismen, die weit über die eigene Website hinausreichten.
Emissionen wie Portugal
Durch Amazon Web Services ist der ökologischer Fußabdruck des Konzerns noch weit größer als der Onlinehandel vermuten lässt. Nach Schätzungen verursachten die AWS-Datenzentren 2018 weltweit 55,8 Millionen Tonnen an Treibhausgasen. Das entspricht etwa den Emissionen Portugals.
Amazon wirbt zwar damit, dass seine Datenzentren durch verschiedene Strategien klimaneutral werden sollen. Dennoch verursachen die AWS-Datenzentren im Vergleich zu Google, Microsoft, Meta und Apple mit Abstand die meisten CO2-Emissionen. Insbesondere das Aufkommen und der Energiehunger künstlicher Intelligenz verschärft das Problem: Es wird vermutet, dass die tatsächlichen Emissionen um bis zu 7,6-mal höher sind als offiziell angegeben.
Stand 2024 behauptet Amazon zwar, dass es inzwischen 100 Prozent emissionslose Energien verwendet, um seine Data Centers zu betreiben. Jedoch nutzt es dabei den Zertifikate-Handel (Renewable Energy Certificates - RECs) um sich grüner darzustellen als es wirklich ist. Diese RECs werden gekauft und sollen nominal den Ausbau emissionsloser Energiegewinnung fördern – was jedoch in der Realität kaum passiert. Außerdem verschleiern sie, dass zum Großteil fossile Energie zum Betrieb der Data Centers verwendet wird, da man RECs von überall zukaufen kann. In Summe stammen nur ca. 22 Prozent der von Amazon Datencentern verbrauchten Energie tatsächlich aus emissionslosen Quellen.
Zusätzlich verkauft AWS spezialisierte KI-Lösungen an Öl- und Gaskonzerne, um die Ausbeutung neuer Vorkommen zu optimieren. Laut Schätzungen erzielt AWS damit rund 9,6 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz, etwa zehn Prozent seines Gesamtumsatzes – ein direkter Widerspruch zum eigenen Klimaversprechen.
Die Rolle von AWS im Gaza-Krieg
AWS steht zudem wegen seiner Rolle im Israel–Gaza-Krieg zunehmend unter Druck. Im Zentrum der Kritik steht der milliardenschwere Cloud-Vertrag „Project Nimbus“ mit der israelischen Regierung, der laut Recherchen auch militärische Anwendungen und Überwachung ermöglicht. Menschenrechtsorganisationen, Tech-Beschäftigte und Aktivist*innen werfen Amazon vor, damit digitale Infrastruktur für Militäraktionen und Genozid bereitzustellen – etwa die Speicherung großer Mengen geheimdienstlicher Daten, die Auswertung von Überwachungsmaterial und die Unterstützung von Rüstungsfirmen . Amazon liefert damit die Infrastruktur des Krieges.
Geballtes Lobbying, PR
Amazon hat seine Lobbyarbeit in der Europäischen Union in den vergangenen Jahren massiv ausgebaut. Während der Konzern 2013 noch rund 450 000 Euro für politische Einflussnahme in Brüssel ausgab, waren es laut Lobbycontrol im Jahr 2012 und 2022 fast drei Millionen Euro pro Jahr – eine Verfünffachung. Auch in den Mitgliedstaaten nimmt Amazons Präsenz stark zu: Allein in Deutschland investierte der Konzern 2022 über 2,4 Millionen Euro in Lobbytätigkeiten; insgesamt mehr als 3,6 Millionen Euro in Deutschland und Frankreich zusammen.
Zentraler Bestandteil dieser Strategie ist der Einsatz spezialisierter Lobbyagenturen. 2022 beschäftigte Amazon bereits dreizehn solcher Agenturen, die rund drei Viertel des gesamten Lobbybudgets erhielten. Hinzu kommt ein dichtes Netzwerk aus über 60 Unternehmensverbänden, Denkfabriken und Forschungseinrichtungen, mit denen der Konzern seine Positionen in politische Debatten einspeist – oft ohne vollständige Transparenz über die Art dieser Zusammenarbeit.
Parallel zur direkten Lobbyarbeit betreibt Amazon gezielte Image- und PR-Kampagnen, um öffentliche Kritik an Arbeitsbedingungen, Umweltbelastungen oder Marktmacht abzufedern. 2022 investierte der Konzern allein im deutschsprachigen Raum etwa 19 Millionen Euro in Werbespots, die das Unternehmen als verantwortungsvoll und nachhaltig präsentieren sollten. Diese Öffentlichkeitsarbeit ergänzt die politische Einflussnahme auf EU-Gesetzgebungsprozesse, etwa bei der Regulierung digitaler Plattformen (Digital Services Act, Digital Markets Act), in der Umweltpolitik oder bei Fragen von Beschäftigung und Unternehmensverantwortung.
Amazon hat durch die Kombination aus ökonomischer Marktmacht, gezieltem Netzwerkaufbau und steigenden Lobbyausgaben ein politisches Gewicht entwickelt, das demokratische Entscheidungsprozesse verzerren kann. Während die EU versucht, digitale Monopole stärker zu regulieren, arbeitet Amazon daran, die politischen Rahmenbedingungen im eigenen Sinne zu gestalten – oft hinter den Kulissen und jenseits öffentlicher Kontrolle. Auf europäischer Ebene regt sich zunehmend Widerstand. So entzog das EU-Parlament im Februar 2024 14 Amazon-Lobbyist*innen den Zugang zum Parlament, da das Unternehmen weder an Anhörungen des Ausschusses für Arbeit und Soziales teilnahm noch die Besichtigung seiner Lager durch EU-Parlamentarier ermöglichte.

Amazons Pinkwashing: zwischen Symbolpolitik und Kalkül
Während Amazon nach außen hin demokratische Werte wie Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung und Diversität betont, passt sich der Konzern politischen Machtverhältnissen flexibel an – sei es durch die Unterstützung rechter Akteure in den USA oder durch das Zurückweichen gegenüber autoritären Regimen. Diese Doppelstrategie wird besonders deutlich im Umgang mit queeren Themen: Einerseits präsentiert sich Amazon als Vorreiter von Inklusion und Diversität, andererseits zeigt sich immer wieder, dass ökonomisches Kalkül vor echten gesellschaftspolitischen Anliegen steht.
Amazon inszeniert sich seit Jahren als einer der progressivsten Arbeitgeber weltweit – insbesondere im Hinblick auf LGBTQ+-Inklusion und Gleichberechtigung am Arbeitsplatz. Initiativen wie die interne „Glamazon Affinity Group“, die das „Bekenntnis zu Vielfalt, Inklusion, Diversität und Queerness“ demonstrieren soll, sowie die regelmäßige Spitzenplatzierung im „Corporate Equality Index“ der Human Rights Campaign unterstreichen das öffentlich gepflegte Image. Auch die prominent inszenierte Teilnahme am Pride Month – etwa durch Social Media Kampagnen, Regenbogen-Logos oder das Sponsoring von Pride Paraden – dient der Selbstvermarktung als progressives Unternehmen. So bestand Amazon in Seattle darauf, die Veranstaltung in „Pride Parade Presented by Amazon“ umzubenennen. Damit wird deutlich: Die politische Dimension von Pride wird zunehmend kommerzialisiert – und von Konzernen wie Amazon strategisch vereinnahmt.
Ein genauer Blick offenbart jedoch tiefe Widersprüche zwischen Außendarstellung und unternehmerischer Realität. Während sich Amazon in westlichen Märkten betont LGBTQ-freundlich gibt, fehlt jede Spur dieses Engagements in autoritär regierten Ländern. So hat Amazon in den Vereinigten Arabischen Emiraten – auf Druck der Regierung – systematisch LGBTQ+-Produkte aus seinem Onlineshop entfernt.
Jeff Bezos war auch prominenter Gast bei der Amtseinführung von Donald Trump, einem erklärten Gegner der LGBTQ+-Community und spendete rund eine Million US-Dollar zur Finanzierung des Events. Bereits in den Jahren vor der US-Wiederwahlkampagne spendete Amazon etwa 450 000 US-Dollar an republikanische Politiker*Innen, die gegen den Equality Act stimmten – ein Gesetz, das Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität verbieten sollte und dessen Umsetzung im Senat durch die republikanische Mehrheit blockiert wurde.
Zudem berichteten Medien von Rückschritten in Amazons Diversity-Programmen, insbesondere im Hinblick auf spezifische Maßnahmen für trans Mitarbeiter*innen. Im Jahresbericht 2024 fehlen Begriffe wie “Diversität” oder “Inklusion” gänzlich - Begriffe, die früher als zentrale Bestandteile der Unternehmenskommunikation galten. Auch in Europa finden sich kaum Informationen zu konkreten Maßnahmen, die ein queerfreundliches Arbeitsumfeld sichern sollen.
Diese Doppelmoral macht Amazon zum Paradebeispiel für sogenanntes Pinkwashing - einer Marketingstrategie, bei der queere Symbole und Inklusionsbotschaften genutzt werden, um den Umsatz zu steigern ohne jedoch substanzielle Unterstützung für die Community zu leisten. Amazon folgt dabei einem klaren Muster: Wo Regenbogenprofit möglich ist, wird queere Sichtbarkeit gefördert – wo diese Sichtbarkeit jedoch politisch oder wirtschaftlich unbequem wird, schweigt das Unternehmen oder passt sich aktiv diskriminierenden Regimen an.
Der Pakt mit Autokraten
Das antidemokratische Vorgehen Amazons unter der Führung Jeff Bezos wird seit der Wiederwahl Donald Trumps als US-amerikanischem Präsidenten immer deutlicher. Die Unterstützung der Tech-Milliardäre für den Menschen- und Umweltrechte sowie Meinungsfreiheit missachtenden US-Präsidenten stellt eine Gefahr für die Demokratie dar. Dass Bezos der Washington Post im Vorfeld der US-Wahlen verbot, ihre traditionelle Wahlempfehlung abzugeben, passt nur allzu gut zu diesem undemokratischen Verhalten.
Wirtschaftliche und finanzielle Interessen gehen dabei Hand in Hand mit antidemokratischen, antisozialen und menschenfeindlichen Interessen der rechten Agenda. Neben dem Kampf gegen Gewerkschaften wird gegen Arbeiter*innen vorgegangen, Umweltschutz und Frauenrechte werden missachtet und Medien monopolisiert. 2025 wurden die offiziellen Grundpositionen zum Schutz queerer und schwarzer Mitarbeiter*innen aus den Unternehmensleitsätzen Amazons gestrichen.
Jeff Bezos hat zudem seinen milliardenschweren Bezos Earth Fund, über den in den letzten Jahren zahlreiche Klima- und Naturschutzprojekte gefördert wurden, eingestellt. Als offizielle Begründung wurde das Auslaufen der Förderperiode angegeben. Doch tatsächlich dürften Bezos und andere Milliardär*innen ihre Unterstützung für Klimainitiativen zurückfahren, um sich nicht mit der klimaskeptischen Politik der Donald Trumps zu anzulegen.

5 Forderungen, um die Übermacht von Amazon zu begrenzen
1. Der erste Schritt, um die Macht von Amazon zu brechen ist es wettbewerbsverzerrende Monopolisten wie Amazon – aber auch Google oder Facebook – zu zerschlagen. Der Online Marktplatz, das Handelsgeschäft, die Logistikdienste und Amazon Web Services sollten in getrennte, unabhängige Einheiten aufgeteilt werden. Dadurch würde verhindert, dass sich der Konzern systematisch Wettbewerbsvorteile verschafft. Rechtlich möglich wäre dies über bestehende Kartellgesetze – etwa den EU Artikel 102 AEUV oder den Digital Markets Act – oder vergleichbare nationale Verfahren.
2. Die Macht- und Einflussmöglichkeiten von Konzernen wie Amazon müssen unter anderem durch strenge Regeln für Lobbying und Parteienfinanzierung und transparente und bürger*innennahe politische Prozesse zurückgedrängt werden.
3. Amazon muss einen fairen Steuerbeitrag in jenen Ländern zahlen, in denen die tatsächliche wirtschaftliche Aktivität stattfindet. Dafür braucht es eine grundlegende politische Lösung namens Gesamtkonzernsteuer. Dabei werden Konzerne auf Basis des global erzielten Gewinns besteuert. Dieser Gewinn wird je nach realer Wertschöpfung anteilig auf Länder aufgeteilt und dann entsprechend besteuert. Kombiniert mit einem echten Mindeststeuersatz von 25 Prozent hätten die Gewinnverschiebungen multinationaler Konzerne damit ein Ende.
4. Arbeitsrechtliche Standards sowie kollektivvertragliche Löhne müssen weltweit ausgebaut statt ausgehöhlt werden, um menschenwürdige Arbeit und sichere, dauerhafte Arbeitsverhältnisse zu garantieren. Alle Formen von befristeter oder scheinselbstständiger Beschäftigung müssen beendet werden. Dafür müssen die Rechte von Gewerkschaften weltweit gestärkt werden. In Österreich hat die GPA konkrete Forderungen an Amazon gerichtet.
5. Amazons Macht basiert auch auf viel zu niedrigen Transportkosten. Immer mehr Produkte werden dort hergestellt, wo Unternehmen durch niedrigere Löhne, Umwelt- oder Sozialstandards Kosten sparen und damit Profite maximieren können. Angesichts der Klimakrise ist es dringend nötig regionale Wirtschaftskreisläufe zu stärken. Dazu bedarf es unter anderem ökologischer und sozialer Kostenwahrheit und gerechter globaler Handels- und Investitionsregeln, die sich an den Menschenrechten orientieren. Konzerne müssen global für ihre Menschenrechtsverletzungen haftbar gemacht werden können. In der EU braucht es ein starkes Lieferkettengesetz mit bindenden Sorgfalts- und Rechenschaftspflichten für Konzerne. Das heißt, dass Unternehmen beispielsweise prüfen müssen, ob und wo bei ihren Zulieferern Menschenrechte missachtet oder Umwelt zerstört wird.
Politisch erfordert all das einen starken Willen: Gesetzesinitiativen, öffentlicher Druck, Kampagnen und breite Mobilisierung von Zivilgesellschaft, Gewerkschaften und Politik sind nötig.
Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Spende - herzlichen Dank!
Über Amazon
Amazon wurde im Juli 1994 von Jeff Bezos gegründet und hat sich seitdem zu einem der größten multinationalen Konzerne weltweit entwickelt. Im Jahr 2024 erzielte Amazon einen Umsatz von 638 Milliarden US-Dollar, was einem Anstieg von 11 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Der Nettogewinn verdoppelte sich nahezu auf 59,2 Milliarden US-Dollar. Die Mitarbeiter*innenzahl lag weltweit bei 1 556 000. Amazon betreibt weltweit über 185 Logistikzentren und hat seine Infrastruktur kontinuierlich ausgebaut, um den steigenden Anforderungen des Online-Handels gerecht zu werden. In Österreich wird der Amazon-Umsatz für 2023 auf 842,2 Millionen Euro geschätzt. Zudem haben österreichische kleine und mittlere Unternehmen (KMU) im selben Jahr über Amazon Exportumsätze von über 610 Millionen Euro erzielt.


